Fast jeder meiner Kleinten darf „Gefühle verstehen lernen statt zu (sie zu) unterdrücken.“ Deshalb widme ich heute diesem Thema einen ganzen Beitrag.
Manche Menschen kommen in meine Praxis und sagen:
„Ich bin einfach zu sensibel.“
Andere sagen: „Ich spüre gar nichts mehr.“
Beides wirkt auf den ersten Blick sehr unterschiedlich – und doch hat es oft denselben Ursprung: Gefühle wurden irgendwann zu viel. Oder sie waren nicht willkommen. Vielleicht gab es keinen Raum, sie zu zeigen. Oder vielleicht musste man stark sein. Vielleicht musste man funktionieren.
Gefühle verschwinden nicht, nur weil wir sie wegschieben. Sie verändern lediglich ihre Form.
Angst, die scheinbar ohne Anlass auftaucht.
Innere Unruhe.
Plötzliches Herzklopfen.
Ein Kloß im Hals, der sich nicht erklären lässt.
Oder Wut, die stärker ist, als die Situation es rechtfertigen würde.
In solchen Momenten reagieren wir häufig auf eine alte innere Spur. Unser Nervensystem erinnert sich schneller als unser Verstand. Gefühle sind keine Schwäche. Sie sind gespeicherte Erfahrung – körperlich verankert.
Gerade Jugendliche und junge Erwachsene erleben oft sehr intensive Emotionen. Das liegt nicht daran, dass sie „übertreiben“, sondern daran, dass Entwicklung, Identitätssuche und alte Prägungen gleichzeitig aktiv sind. Wenn dann noch Leistungsdruck, soziale Medien oder Beziehungsstress dazukommen, kann das System schnell überlastet sein.
Das Gegenteil wirkt zunächst stabiler: Leere. Gleichgültigkeit. Funktionieren.
Doch emotionale Taubheit ist kein Zeichen von Stärke, sondern häufig ein Schutzmechanismus. Wenn Gefühle früher überwältigend oder mit Schmerz verbunden waren, lernt das System: Weniger fühlen ist sicherer.
In depressiven Phasen berichten viele von einem „Gefühl der Gefühllosigkeit“. Man weiß, dass etwas traurig sein müsste – aber es erreicht einen nicht mehr wirklich. Auch das ist ein Schutz.
Gefühle verstehen und regulieren zu lernen bedeutet nicht, sie stärker zu machen. Es bedeutet, sie dosiert wahrnehmen zu können, ohne von ihnen überflutet zu werden.
Wir denken oft, Gefühle seien Gedanken. Doch sie entstehen zuerst körperlich. Ein schnellerer Puls, Spannung im Bauch, Hitze im Gesicht, ein Engegefühl in der Brust – all das passiert, bevor wir es in Worte fassen.
In meiner psychotherapeutischen Arbeit in Erfurt – und auch online – geht es deshalb nicht nur um das Gespräch. Es geht darum, wieder wahrzunehmen, was im Inneren geschieht. Stabilisierung, Orientierung und Ressourcenaufbau stehen am Anfang. Erst wenn innere Sicherheit entsteht, können wir tiefer schauen.
Viele Themen – Ängste, anhaltende Anspannung, depressive Verstimmungen, Selbstzweifel oder kompensatorische Verhaltensweisen (z.B. Süchte, Essstörungen, Ängste) – hängen damit zusammen, dass Gefühle entweder überfluten oder abgespalten sind. Beides lässt sich verändern.
Nimm dir einen Moment Zeit und denke an eine Situation aus den letzten Tagen. Vielleicht war sie angenehm. Vielleicht hat sie dich innerlich bewegt oder herausgefordert.
Schließe – wenn möglich – kurz die Augen und erinnere dich daran. Nicht inhaltlich analysieren. Nicht bewerten.
Stattdessen frage dich:
Was passiert jetzt in meinem Körper?
Spüre in deinen Brustraum.
…In deinen Bauch.
…In deine Schultern.
…Deinen Atem.
Wird etwas weiter? Enger? Wärmer? Ruhiger?
Bleib einen Moment bei dieser Wahrnehmung. Ohne sie verändern zu wollen.
Gefühle wollen nicht bekämpft werden. Sie wollen verstanden werden.
Vielleicht mögen Sie sich heute eine einfache Frage stellen:
Was würde ich gerade in diesem Moment brauchen?
Die Antwort muss nicht groß sein.
Vielleicht ist es nur eine Pause. Oder ein Nein.
Vielleicht Ein Gespräch.
Oder ein Moment der Leichtigkeit.
Bedürfnisse sind keine Forderungen an andere. Sie sind Hinweise auf unser inneres Gleichgewicht.
Wenn wir beginnen, sie wieder wahrzunehmen, kehren wir Schritt für Schritt in Kontakt mit uns selbst zurück.
Gefühle regulieren lernen wir nicht allein. Wir lernen es in Beziehung.
Ein Kind, das…
…Angst hat, braucht einen ruhigen Erwachsenen.
…wütend ist, braucht jemanden, der Halt gibt, ohne selbst zu explodieren.
…traurig ist, braucht einen Blick, der sagt: „Das darf da sein.“
Diese gemeinsame Regulation nennt man Co-Regulation. Sie ist die Grundlage dafür, dass sich das Nervensystem mit der Zeit selbst beruhigen kann.
Viele Eltern haben ihr Bestes gegeben – und gleichzeitig selbst nie gelernt, wie gesunde Emotionsregulation funktioniert. Manche mussten stark sein, früh Verantwortung übernehmen oder ihre eigenen Gefühle unterdrücken. Dann geben sie unbewusst genau das weiter, was sie selbst erfahren haben.
Das ist kein Vorwurf. Es ist ein Muster.
Wenn Gefühle früher nicht gespiegelt oder gehalten wurden, entstehen oft zwei Strategien:
Entweder sie werden übermäßig stark – oder sie werden abgespalten.
Psychotherapie bedeutet dann nicht, „die Eltern zu analysieren oder zu verteilen“, sondern dem eigenen System nachträglich Sicherheit zu geben. Was damals gefehlt hat, kann heute in kleinen Schritten aufgebaut werden: Stabilität, Orientierung, Selbstmitgefühl.
Regulation ist lernbar – auch im Erwachsenenalter. Lernen wir unsere Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu regulieren, trägt das zur Regulation unseres Nervensytems bei.
Manchmal sagen wir Sätze wie:
„Ich fühle mich…
…nicht ernst genommen.“
…verurteilt.“
…bevormundet.“
Sprachlich klingt das nach einem Gefühl – psychologisch betrachtet sind es jedoch Bewertungen oder Interpretationen einer Situation.
Hinter „Ich fühle mich verurteilt“ steckt häufig Angst, Scham oder Unsicherheit.
„Ich fühle mich bevormundet“ kann Ohnmacht oder Ärger bedeuten.
Mit „Ich fühle mich nicht gesehen“ verwechseln wir oft Traurigkeit oder ein altes Bindungsthema.
Das zu unterscheiden ist kein Spitzfindigkeitsspiel. Es ist zentral für Veränderung. Solange wir bei der Bewertung bleiben, kämpfen wir im Außen. Wenn wir das eigentliche Gefühl erkennen, können wir im Inneren regulieren.
Echte Gefühle sind unmittelbar spürbar: Angst, Wut, Trauer, Freude, Scham, Ohnmacht.
Sie zeigen sich im Körper.
Bewertungen entstehen im Denken.
Beides ist wichtig – doch sie erfüllen unterschiedliche Funktionen. Wenn wir lernen, genauer hinzuspüren, wird aus „Ich fühle mich angegriffen“ vielleicht „Ich habe Angst, nicht zu genügen.“
Und genau dort beginnt therapeutische Arbeit in der Psychotherapie in Erfurt oder eben online. Wir unterstützen dabei Gefühle zu verstehen.
Viele Menschen glauben, sie müssten einfach „anders denken“, um sich besser zu fühlen. Doch nachhaltige Veränderung entsteht, wenn Verstand, Emotion und Körper zusammenarbeiten.
Psychotherapie bedeutet nicht, etwas „wegzumachen“. Sie bedeutet, Zusammenhänge zu verstehen, alte Schutzstrategien einzuordnen und neue innere Sicherheit aufzubauen. Besonders bei Bindungs- und Entwicklungserfahrungen und – Belastungen lohnt sich dieser Blick in die Tiefe.
Gefühle sind kein Gegner.
Sie sind Wegweiser.
Und sie können regulierbar werden.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest und dir Begleitung wünschst: In meiner Praxis für Psychotherapie (HeilprG) in Erfurt begleite ich Jugendliche und Erwachsene traumasensibel, klar und ohne Druck – vor Ort oder online.